Sonntag, 5. April 2026

Gratisstrom fürs Elektroauto

 Gratisstrom fürs Elektroauto

Von Nadine Bös, Corinna Budras, Düsseldorf, Berlin

Energieunternehmen und Autohersteller bringen jetzt Tarife heraus, die das Auto zum Stromspeicher machen. Einer der bekanntesten deutschen Automanager mischt kräftig mit.

Neue Rolle: Noch ist das Fahren eines E-Autos nicht kostenlos – aber derartige Zukunftsbilder werden bereits gemalt.
Getty
Ein Stromtarif, bei dem Privatkunden das Laden ihres Elektroautos komplett geschenkt bekommen? Klingt utopisch. Doch tatsächlich soll ein solches Angebot noch in diesem Jahr auf den deutschen Markt kommen. Ausgedacht hat es sich der Münchener Ladeinfrastruktur-Dienstleister The Mobility House (TMH), hinter dem mittlerweile ein prominenter Kopf steckt: Herbert Diess, ehemaliger VW Konzernchef und einer der bekanntesten deutschen Automanager, ist dort seit einiger Zeit Verwaltungsratsvorsitzender. „Wir sind noch klein“, sagt Diess. „Aber wenn unser Geschäftsmodell funktioniert – und die Chancen dafür sind hoch – werden Elektroautos umsonst fahren können.“

Dass solche Tarife gerade jetzt entstehen, ist kein Zufall: Seit dem Jahreswechsel werden Elektroautos mit Blick auf die Netzentgelte behandelt wie Speicher – damit fällt eine zentrale Kostenhürde weg, die die Technik hierzulande lange ausgebremst hat, weil bisher für Einspeichern und Laden „doppelt“ Netzentgelte fällig wurden. Das Elektroauto zum Geldsparen nutzen werden vorerst aber nur wenige können, weil es sich auf wenige Modelle und Anbieter beschränkt.

Möglich wird der Gratisstrom fürs Elektroauto durch eine Technik, die bislang vor allem als Zukunftsversprechen galt: das bidirektionale Laden. Im Fachjargon heißt es „Vehicle to grid“, kurz V2G. Private Elektroautos wirken dabei wie kleine Batteriespeicher: Sie laden nicht nur Strom aus dem Netz, sondern speisen auch Strom ins Netz zurück, wenn sie ohnehin gerade ungenutzt vor der Tür parken. Das ergibt vor allem in solchen Situationen Sinn, in denen zu wenig Strom im Netz ist, etwa wetterbedingt, weil kein Wind weht und keine Sonne scheint. Dann steigt üblicherweise auch an der Strombörse der Preis – und dann ist es lukrativ, den im Auto gespeicherten Strom einzuspeisen. Hingegen ist es sinnvoll, das Auto günstig aufzuladen, wenn der Strompreis gerade niedrig ist.

Genau auf diesen Effekt setzt TMH. Das Unternehmen möchte in seinem V2G‑Privatkundentarif den Strom komplett verschenken. Im zweiten Quartal dieses Jahres soll ein solches Angebot für den neuen Renault R5 herauskommen und im Lauf des Jahres für die neuen Mercedes‑Modelle CLA und GLC. Im Gegenzug zum Gratis-Ladestrom sollen sich die Kunden verpflichten, das Elektroauto jede Nacht in die heimische Wallbox einzustöpseln und morgens mit einem bestimmten Ladestand zufrieden zu sein. Diess sagt, ein Auto könne heute „eine völlig neue Rolle übernehmen“ und „viel mehr für eine Gesellschaft leisten als ein Verbrenner“. Die Kunden zahlten dann „nichts mehr für den Strom, und elektrisch erneuerbarer Strom wird günstiger im Netz. Außerdem brauchen wir dann weniger Netzausbau.“

TMH-Chef Thomas Raffeiner erklärt, wie sein Unternehmen damit Geld verdient: „Der Kunde benennt einen Mindestfüllstand, beispielsweise, dass das Fahrzeug morgens um sieben Uhr zu 60 Prozent geladen sein soll.“ Dann könne sein Unternehmen nachts die Ladevorgänge für sich nutzen. „Wir können innerhalb der vom Kunden vorgegebenen Grenzen Flexibilität netzdienlich einsetzen“, sagt der Manager. „Wenn irgendwo ein Trafo überlastet ist, dann stoppen wir das Laden, und wenn wir zu viel Energie im System haben, weil der Wind kräftig weht, dann laden wir das Auto und nehmen somit Strom aus dem Netz heraus.“

Weil das Unternehmen in Situationen Strom bezieht, in denen er billig ist, und einspeist, wenn er teuer ist, entsteht ein sogenannter Arbitrageeffekt. Einen Teil bekommt der Kunde zurück, indem er dauerhaft kostenlos laden kann, und einen Teil streiche das Unternehmen selbst als Erlös ein, erklärt Raffeiner. Einen Anreiz, dass die Kunden das Fahrzeug wirklich wie versprochen jede Nacht in die Wallbox einstöpseln, brauche es nicht. „Zusammen mit Renault bieten wir unseren Tarif schon heute in Frankreich an und haben die Erfahrung gemacht: Die Kunden stecken zuverlässig ein – einfach auf Vertrauensbasis“, sagt Raffeiner.

Nicht nur TMH übersetzt aktuell die Gesetzesänderung zu V2G in konkrete Privatkundentarife. Tatsächlich war der Essener Energiekonzern Eon sogar schneller, sein erstes Angebot auf den Markt zu bringen. Seit Mitte Februar gibt es einen Eon-Tarif gemeinsam mit BMW. Er ermöglicht Fahrern des neuesten BMW‑Modells iX3, für jede Stunde, die das Auto an der heimischen Wallbox hängt, eine Vergütung zu erhalten – bis zu 720 Euro im Jahr. Eons Vorstandschef Leonhard Birnbaum bezeichnete das Angebot als Flexibilitätslösung, die Kunden ermögliche, „aktiv von der Energiewende zu profitieren“. Ebenfalls im Februar kündigte der Ökostrom-Versorger Octopus Energy einen V2G-Tarif in Kooperation mit Ford an, der allerdings erst im Sommer starten soll. Der Anbieter verspricht einen Bonus von jährlich bis zu 360 Euro, wenn das Auto mindestens 300 Stunden im Monat in die heimische Wallbox eingestöpselt ist; weniger als bei Eon, dafür gibt’s zusätzlich noch eine Preisreduktion beim Ladestrom. Zunächst soll das Angebot für die neuen Modelle des Ford Capri und des Ford Explorer gelten.

Egal um welchen Anbieter es geht: Noch steckt das ganze System V2G in den Kinderschuhen. Nutzen können es ausschließlich diejenigen Elektroautobesitzer, die die neuesten Modelle fahren, die technisch überhaupt zum bidirektionalen Laden fähig sind. Das ist momentan nur ein kleiner Bruchteil. Derzeit gibt es die Tarife auch immer nur als Kooperationspaket bestimmter Strom- oder Ladeinfrastrukturanbieter mit bestimmten Autofirmen. Außerdem muss man einen intelligenten Stromzähler und eine Wallbox zu Hause haben; wer nur an öffentlichen Ladesäulen Strom bezieht oder beim Arbeitgeber lädt, kann höchstens sehr indirekt profitieren.

TMH-Chef Raffeiner glaubt allerdings, dass die Automodelle, die zum bidirektionalen Laden fähig sind, jetzt wie Pilze aus dem Boden schießen werden. Er sieht das Ganze auch als große Chance für die deutsche Autoindustrie. Die Chinesen hätten gute Autos, günstige Batterien und niedrige Herstellungskosten, sagt er. Da sei ein Tarifangebot mit dauerhaft kostenlosem Strom schon etwas, „womit ich mich als deutscher Autohersteller differenzieren kann“. Diess argumentiert ganz ähnlich: „Das wäre natürlich ein Vorzeigethema für Deutschland, das hier als Erste zum Laufen zu bringen.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.